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30.07.05: Konferenz in Chania - Beitrag Gerhard Folkerts





Gerhard Folkerts während seinen Ausführungen - Photo: Petra Folkerts
Mikis Theodorakis zählt zu den bedeutenden symphonischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Schwerpunkte seiner vier Schaffensphasen unterscheiden sich in Gattung und Form. Jede Schaffensphase enthält trotzdem symphonische Kompositionen.

Nach 1950 bestimmen drei Richtungen in Westeuropa immer stärker die Musik:
• Eine Minderheit von privilegierten Komponisten nennt sich Avantgarde. Ihr geht es ausschließlich um Musikkonstruktionen und den Umgang mit dem musikalischen Material. In ihren Werken spielen gesellschaftspolitische Fragen und damit auch der Hörer keine Rolle. Ihre Werke sind unverbindlich.
• Die zweite Richtung bestimmen Wirtschaft und Medien. Sie fördern die Avantgarde, vorrangig aber die Unterhaltungsmusik, die sich an die passive Mehrheit der Konsumenten wendet.
• Die dritte Richtung will eine Musik für die existentiellen Bedürfnisse der Menschen. Die Komponisten behandeln Fragen nach Geburt, Leben, Tod, Freiheit, Liebe, Zusammenleben. Sie wollen in den gewaltigen Auseinandersetzungen unserer Zeit Antworten und mögliche Lösungen anbieten. Sie haben die Kraft, gegen die herrschenden Strömungen zu schwimmen und gleichzeitig neue Musik für die Menschen zu schaffen – Theodorakis ist diesen Weg gegangen.


Theodorakis Arbeitsweise, gleichzeitig an mehreren Werken zu schreiben, zeigt sich bereits in seiner ersten Schaffensphase: 1946 komponiert er für großes Orchester PROMETHEUS IN FESSELN und 1947 TO PANIGIRI TIS ASSI-GONIAS (Das Fest von Assi-Gonia). Parallel dazu entstehen das Streichquartett Nr. 1 (uraufgeführt im Februar dieses Jahres im Megaron in Athen, also erst 58 Jahre später!), das Sextett für Klavier, Flöte und Streichquartett und das Ballett GRIECHISCHER KARNEVAL.

Zwischen 1954 und 1960 wird Theodorakis in Paris in der Klasse Olivier Messiaens mit der westeuropäischen Avantgarde konfrontiert. „Das Seminar für Musikanalyse von Messiaen war sozusagen der Salon, den alle Stars der Epoche durchschritten“, sagt Theodorakis. Boulez, Stockhausen, der alte Gefährte Jannis Xenakis, alle – wie Theodorakis – Schüler Messiaens, dokumentieren mit ihren Zwölftonkompositionen und elektronischen Experimenten, dass sie sich von den Musiktraditionen ihrer Länder gelöst haben. Theodorakis steht vor der Frage, Für wen schreibt der symphonische Komponist, wen will er erreichen?

Bis 1958 entstehen große symphonische Werke, u. a-: die Suite Nr. 1 für Orchester und Klavier, die Suite Nr. 2 für Orchester, OEDIPUS TYRANNUS für Streichorchester und die Kammermusiken, das sind: die 1. Sonatine für Violine und Klavier, die Passacaglia für zwei Klaviere, die Sonatine für Klavier und die 2. Sonatine für Violine und Klavier.


1959 beginnt die zweite symphonische Schaffensphase. Die Ballettmusik ANTIGONE macht Theodorakis in Europa „als den symphonischen Komponisten des Jahres bekannt“, schwärmt Darius Milhaud. Von nun an lässt Theodorakis die Beschäftigung mit der griechischen Tragödie nicht mehr los. Er komponiert im selben Jahr die Theatermusik zu Euripides DIE PHÖNIZIERINNEN. Andere Theatermusikkompositionen schließen sich an, u. a. AJAX, TROERINNEN und LYSISTRATA.

1967 beginnt ein weiteres dunkles Kapitel griechischer Geschichte: die Militärdiktatur. Verhaftet und eingekerkert, komponiert Theodorakis 1969 im Lager Oropos RAVEN, eine Kantate für Volkssänger, Chor und Orchester. 1994 gibt Theodorakis RAVEN eine neue Orchestrierung mit Mezzosopran, zwei Harfen, Flöte und Streichorchester.

Theodorakis komponiert schon 1960 mit AXION ESTI eine ganz neue symphonische Gattung mit einer einzigartigen Orchestrierung: Gleichrangig treten Volks- und symphonische Instrumente auf. Theodorakis findet so eine eigene musikalische Idiomatik, die in Melodik, Rhythmik, Harmonik und Orchestrierung die Sensibilität und Bedürfnisse der Menschen trifft. Mehrere große Koordinaten treffen immer wieder in einem Augenblick in Theodorakis symphonischen Kompositionen zusammen.

Es sind dies:
• die Tonskalen byzantinischer, demotischer und laizistischer Musik, die die Melodien bilden,
• die vielschichtigen Rhythmen griechischer Volksmusik,
• die Kompositionsmethode der Tetrachordik,
• die westeuropäischen Kompositionstechniken und
• die antike und zeitgenössische Dichtung.

Theodorakis hat nun die Konzeption einer neuen Oratorientradition verwirklicht. Hiermit ist eine neue Qualität kompositorischer Arbeit entstanden. Diese Arbeitsmethode setzt er 1969 mit dem Oratorium MARSCH DES GEISTES und 1972 mit dem Oratorium CANTO GENERAL fort.


Anfang der 1980er Jahre beginnt die dritte Schaffensperiode. Theodorakis betrachtet nun die Symphonie als die höchste musikalische Form, um seine Ideen zu verwirklichen. Er sagt: „Die Symphonie ist der musikalische Ausdruck für die Tragödie der Zeit.“ Symphonische Werke bezeichnet er als zeitgenössische Oratorien. Ihre Grundlage bilden der poetische Text und die menschliche Stimme. Letztere ist unverzichtbares Medium im Dialog zwischen Hörer, Interpreten und Komponisten.

Zwischen 1980 und 1982 komponiert Theodorakis die II. SYMPHONIE „Das Lied der Erde“, die III. SYMPHONIE, die „SADDUZÄER-PASSION“, und die VII. SYMPHONIE, die „Frühlingssymphonie“. Erstmalig bildet nun auch in seinen Symphonien die dichterische und kompositorische Aufarbeitung unmittelbarer Geschichte den Hintergrund des Werkes.
Die VII. Symphonie dokumentiert in besonderer Weise die Haltung des Komponisten, Stellung zu beziehen, nicht wegzugucken, verändern zu wollen.

Von einer selbsternannten westeuropäischen Avantgarde verachtet und in deren Kunstakademien bis heute totgeschwiegen, werden seine symphonischen Werke nicht in Konzerthäusern aufgeführt und erscheinen nur vereinzelt bei den großen Schallplattengesellschaften. Erst seit 1995 veröffentlicht der Schott Verlag in Deutschland Theodorakis klassische Werke unter dem CD-Label „intuition classics“. Dennoch ging der symphonische Komponist Theodorakis weiterhin unbeirrt seinen musikalischen Weg.

Die Tetrachordtechnik ermöglicht es Theodorakis, Viertonreihen verschiedener Gestalt zu kombinieren, ohne sich dabei der „Übermacht der extremen Zwölftönigkeit“ unterzuordnen, wie er im Programmheft zur Konzerttournee Musik ohne Grenzen 1994 schreibt. Theodorakis verwendet diese Technik bereits in der ERSTEN SUITE; im ANTIGONE-BALLETT und im AXION ESTI, und nun auch im Finale der III. und im dritten Satz der VII: SYMPHONIE. Den Hörer zwingt die Tetrachordtechnik zu Differenzierungen. So kann er sich vom herkömmlichen Dur-Moll-System lösen und der neuen Kompositionsmethode öffnen.

In der dritten Schaffensperiode nutzt Theodorakis auch sein Wissen um Kontrapunkttechniken und Sonatenkonstruktionen und seine Kenntnis ihrer Weiterentwicklung bei Bartok, Mahler und Schostakowitsch. Außerdem sieht er jede einzelne Komposition als Teil seines Gesamtwerks. „Ich will, dass meine gesamte Musik eine einheitliche Erzählung ist“, sagt er. Diese Aussage ist zentraler Bestandteil seiner musikalischen Poetik. Sie findet sich auch in der VII. und in der II. Symphonie: Im ersten Satz der VII. SYMPHONIE verwendet er das Lied „In diesem Sommer“ aus seinem Liederzyklus O KYKLOS. Im zweiten Satz nimmt Theodorakis das Gedicht „I adelfi ma Athina“ (Unsere Schwester Athina) seines Freundes und Mitgefangenen auf Makronissos Yorgos Kulukis auf und macht es zum „Fundament der Frühlingssymphonie“. Die II. SYMPHONIE verweist auf die Zukunft der Erde und damit auf die Zukunft der Menschheit. In beiden Symphonien verzichtet Theodorakis auf. Volksinstrumente und Volkssänger. Beide Symphonien sind eine bekennende Musik:

Zentrales Thema der dritten Schaffensphase, das von Theodorakis immer wieder aufgegriffen wird, ist das Schicksal der Mütter. Dies tritt schon 1958 in EPITAFIOS und 1960 in der BALLADE VOM TOTEN BRUDER auf. „In der dritten Symphonie vertonte ich das geniale Gedicht „Die wahnsinnige Mutter“ von Dionisos Solomos. Ich fügte aber einen Satz ein mit den drei wichtigsten byzantinischen Melodien des Karfreitags, einen Vers von Konstantin Kavafis und einen von mir. Byzanz, Solomos, Kavafis, das ist eine wahre Widmung an die höchsten Errungenschaften der hellenischen Welt“, schreibt Theodorakis in seiner „Anatomie der Musik“.

1986 komponiert Theodorakis seine IV. SYMPHONIE; die Symphonie „Der Chöre“. Er greift zurück auf die früher komponierten Theatermusiken „Eumeniden“ und „Phönizierinnen“. Er nennt sie die „griechischste seiner Symphonien“.


In seiner vierten symphonische Schaffensphase komponiert Theodorakis erstmals Opern. Sie beginnt 1984 mit dem Werk KOSTAS KARYOTAKIS. Ab 1988 bestimmen seine Opernkompositionen die Mythen der Antike. Er komponiert MEDEA und ELEKTRA.

1993 komponiert Theodorakis sein ADAGIO für Trompete, Streicher, Percussion und Klavier. Dieses Werk widmet er den Menschen im Jugoslawienkrieg. Ein Jahr später schreibt er die dramatische Musik zu MACBETH. Mit Flöte, Fagott, Posaune, zwei Hörnern, Tuba, Violoncello, Kontrabass und Schlagzeug stellt sie eine besondere Instrumentierung dar.

1995 schließt er seine Tragödientrilogie mit der Arbeit an ANTIGONE ab. 1998 komponiert er als bisher letztes seiner Opernwerke LYSIYSTRATA.

In die Opern integriert Theodorakis Themen seiner Lieder – ein weiterer Schritt zur Einbeindung einzelner eigenständiger Kompositionen in sein Gesamtwerk.


In jeder seiner vier Schaffensperioden komponiert Theodorakis bedeutende symphonische Werke, in denen er an Traditionen griechischer Musik anknüpft. Die geschieht aus Liebe und Respekt vor der umfassenden Musik Griechenlands mit ihren unerschöpflichen Melodien der byzantinischen, ländlichen und städtischen Musik, mit ihren besonderen Farben der Instrumente, mit ihrer Vielfalt an Tanzrhythmen,. Ihr Pulsschlag wird seiner. Er verankert diese Traditionen in seinem musikalischen Bewusstsein und in seinen symphonischen Kompositionen.

Nicht das musikalische Material, sondern der Mensch steht im Mittelpunkt seiner symphonischen Werke. Das unterscheidet Theodorakis von vielen Komponisten der westeuropäischen Avantgarde. Im Mittelpunkt seiner symphonischen Kompositionen steht das Aufbegehren gegen das vermeintlich Unabänderliche und die positive Gestaltung der Zukunft unserer Menschheit. Das symphonische Werk Theodorakis bringt uns zum Nachdenken, es weckt in uns den Wunsch, Liebe, Freiheit und Frieden zu verwirklichen. Seine Visionen und Träume erfüllen das musikalische Material mit Lebendigkeit, emotionaler Kraft und einem Geist, der sich auf die Hörer überträgt und sie veranlassen kann, ein anderes Leben zu gestalten.

Der Komponist Mikis Theodorakis hat mit seinem symphonischen Werk den neuen Typus einer authentischen griechischen Musik und europäischen Musik geschaffen. Sie weist ihn aus als Begründer einer neuen griechischen Komponistenschule und einer neuen europäischen Komponistenschule. – Vielen Dank, Mikis Theodorakis.

Dieses Exposé trug der Pianist und Komponist zum dreitägigen Symposiums in Chania (Kreta) am 30. Juli bei. Wir veröffentlichen es mit freundlicher Genehmigung des Autors.

© Gerhard Folkerts, 2005

siehe auch unter ALLGEMEINES:: Folkerts zum Musikschaffen von Theodorakis





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